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wirtschaft

Kassiert wird im Silicon Valley

Die Schweiz baut mit Mühe ihre Start-ups auf, investiert danach aber nicht genug – den Reibach machen andere.

Kassiert wird im Silicon Valley

Ein Roboter der ETH Zürich am Industrietag der Schweizer Robotic in Lausanne. Schweizer Technologie ist im Ausland begehrt.Christian Beutler/Keystone

San Francisco, Mittwochabend. 200 Gäste drängen sich in die Büros von Swissnex, einem halbstaatlichen Startup-Beschleuniger. Ein leger gekleide-
ter Mann ergreift das Wort: «Wenn ihr
eure Chance nicht verpassen wollt: Investiert jetzt in unsere Schweizer Startups.» Es ist der erste Schweizer Anlass dieser Art im Silicon Valley,
und der Andrang ist riesig.

Im Ausland umworben, Mauerblümchen im eigenen Land. So ergeht es vielen Schweizer Start-ups, wie diese Woche ein Bericht des Bundes zeigt. 2016 flossen nur gerade 0,2Milliarden an schweizerischem Geld in Aktien von Start-ups; Ausländer hingegen kauften für 1,2Milliarden ein. 13Prozent von Schweizern, 87Prozent von Ausländern. Dieses schweizerische Desinteresse an den eigenen Startups hat Folgen.

Ulf Berg, Präsident der EMS-Chemie und Industrieberater der Private-
equity-Gesellschaft EQT, warnte letzte Woche vor unschönen Auswirkungen auf ETH-Neugründungen. «Viele dieser Spin-offs kaufen uns die Amerikaner weg.» Oliver Gassmann, Innovationsforscher an der Universität St.Gallen, sagt, Start-ups fänden in der Schweiz oftmals kein Geld, die Heimat sei ihnen oft zu klein. «Dies führt häufig zu Verlagerungen von Start-ups nach Deutschland oder in die USA.»

Dieses Verlagern ist für Michael Sidler das geringere Übel. Der Mitgründer des renommierten Venture-Investors Redalpine sagt: «Es gibt dafür ein paar Beispiele, aber Hauptsitz und Forschung bleiben.» Die Start-ups würden nicht die bekannten heimischen
Vorteile verlieren wollen. «Google, Evernote und Co. kommen ja nicht umsonst zu uns.» Dagegen würden Arbeitsstellen ins Ausland versetzt, wie Programmierer oder Backoffice-Jobs.

Pensionskassen gehen leer aus

Insgesamt hält sich der Braindrain in Grenzen. Dafür droht ein schleichendes Veralten von Know-how. «Das ist vielleicht der grösste Schwachpunkt in der Schweiz», sagt Michael Sidler. Geld für mehr als zwei Millionen sei hierzulande viel schwieriger aufzutreiben als im Silicon Valley. «Deshalb sind Schweizer Start-ups oft langsamer am Markt
als die Konkurrenz, der technologische Vorsprung ist so schnell dahin.» US-Startups kämen ihnen zuvor, dank Investoren mit tieferen Taschen.

Pascal Koenig, CEO des Startups Ava, kennt die unterschiedlichen Tempi aus eigener Erfahrung. «In der Schweiz sagten uns die Investoren: Nun habt ihr Investitionen von 15 Millionen erhalten, jetzt wäre es an der Zeit, einen Gewinn zu machen.» In den USA werde diese Denkweise verlacht. «Dort heisst es:
So, und nun formen wir euch zu einem globalen Champion, mit einem Börsenwert von fünf Milliarden.» Ava stellt smarte Armbänder her, die die fruchtbaren Tage von Frauen erkennen.

An sich liesse sich an Schweizer Start-ups hübsch verdienen. Redalpine kommt über zehn Jahre auf eine durchschnittliche Rendite von über 20Prozent, so Redalpine-Investor Sidler. Und doch seien in der Schweiz nur wenige Investoren in der Lage, einem Start-up zwischen 2 und 19Millionen zu geben. «Für uns ist die fehlende Konkurrenz wunderbar, aber Schweizer Pensionskassen entgeht etwas.»

Kasse machen andere, insbesondere wenn es um grössere Beträge geht. «Investitionen von über 20Millionen stammen zu zwei Dritteln aus ausländischen Fonds», sagt Maurice Pedergnana, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Luzern. «Die hohen Renditen fliessen so grösstenteils aus der Schweiz ab. Und das, obschon diese mit Know-how erwirtschaftet werden, das in der Schweiz mithilfe von Steuergeldern entstanden ist.» Das soll sich ändern. Gian-Luca Bona, Direktor der Materialprüfungsanstalt Empa, sagt: «Wir sollten einen grösseren privaten Fonds aufstellen, der innovative Startups mit Risikokapital versorgt.»

An der ETH Zürich sagt Vizepräsident Detlef Günther: «Es könnte unserer Ansicht nach tatsächlich mehr privates Geld in Schweizer Spin-offs fliessen, das Potenzial ist riesig.» Derzeit arbeiten Politik und Wirtschaft zusammen an einem privaten Fonds. Er soll in eine genügend grosse Zahl von Startups investieren, sodass die Risiken auch für Schweizer Pensionskassen tragbar werden. Das Know-how soll nicht daheim verrotten. Darum fördert es die Schweiz gar, dass hiesige Startups sich aus der Heimat herauswagen.

Der allererste Schweizer StartupAnlass in San Francisco gehörte zu diesen Bemühungen. Das soll etwa Claudia Plüss helfen. Ihr Unternehmen Catcheye sorgt mit einer Software dafür, dass bei Videochats automatisch Augenkontakt da ist. Mögliche Kunden sind grosse Tech-Konzerne, die fast alle im Silicon Valley sind. «Eine Niederlassung dort ist für uns deshalb langfristig eigentlich unausweichlich», sagt Plüss darum. Anders gehe es ohnehin nicht. «Die Tech-Konzerne kommen nicht zu uns; wir müssen zu ihnen.» Doch werde die Forschung in der Schweiz bleiben. «Um unsere Technologie weiterzuentwickeln, müssen wir nicht ins Silicon Valley kommen.»

Aus schweizerischer Sicht dürfte das Beispiel Catcheye ziemlich typisch sein, wenn Start-ups ins Ausland gehen. Jobs im Marketing und Verkauf sind weg,
sie müssen ohnehin vor Ort übernommen werden. Gemäss Redalpine-Investor Michael Sidler verschwinden häufig auch Programmierer, Backoffice-Jobs und manchmal auch Teile der Produktion. Hingegen bleiben Hauptsitz und Forschung in der Schweiz.

Zum Auswandern gezwungen

Empa-Direktor Bona sagt dazu: «Der Gang ins Ausland kann leider tatsächlich oft dazu führen, dass Arbeitsplätze und Steuersubstrat nicht mehr der Schweiz zugutekommen.» Doch bleibe häufig keine andere Wahl. «Unser kleiner Heimmarkt zwingt schnell wachsende Start-ups geradezu aus dem Land, um schnell in grössere Märkte eintreten zu können.» Doch seien viele dieser Unternehmen weiterhin in der Schweiz tätig, was der Schweiz sehr viel bringe. Nochmals anders scheint die Bilanz auszusehen, wenn Start-ups in der Schweiz bleiben und ausländisches Geld erhalten. «Alle aufgekauften ETH-Spin-offs im Bereich Life-Science sind in der Schweiz geblieben», sagt der ETH-Vizepräsident Detlef Günther.