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Auf ein Wort

Schwätz kei Blääch!

Von Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch)

Hie und da reizt es mich, Wörter zu präsentieren, die kaum mehr jemand kennt, zum Beispiel Sturz, Blech. Blääch gab es als Wort schon im Althochdeutschen, aber es bezeichnete flach gehämmertes, weiches Metall, etwa Goldplättchen als Schmuck an einem kostbaren Kleid. Eisen konnte man nicht wie Gold hämmern, und so nannte man das Eisenblech Sturz. Der Sturz gehört zum Verb stürzen und bezeichnet das Stürzen, aber auch etwas Gestürztes, Umgedrehtes. In bürgerlichen Salons des 19. Jahrhunderts gab es den Glassturz, die Glasglocke zum Schutz einer kostbaren Uhr oder anderer Exponate. Türen und Fenster haben einen Sturz als oberen Abschluss, und für die Frauen im Spätmittelalter war der Sturz ein kunstvoll drapiertes Tuch als Kopfbedeckung.

Als Bezeichnung für Eisenblech ist Sturz bis vor etwa 100 Jahren sehr oft verwendet worden; die überlieferten Dokumente belegen das ausführlich. Da steht in einem Text von 1616, «ein Kessler [in Zürich] mache Laternen, Trachter und derglichen Züg von Sturz». Turmhelme und Dächlein von Erkern waren aus Sturz. In Wiler im Lötschental bekam nach dem Dorfbrand von 1900 manches Haus ein Sturzdach statt des Schindeldachs, und im Mittelland deckte man wenigstens den First da und dort mit Sturz, weil das billiger war als Firstziegel. Bis vor kurzem sagten die Schaffhauser dem Spengler Sturzer. Das abgeleitete Adjektiv heisst auf schweizerdeutsch sturzig, stürzig oder sturze, stürze. In Bülach sagte man: En stürzene Chängel chunnt nüd hööcher als en hölzene – das bezog sich aber nicht etwa auf den Preis der Dachrinne, sondern auf deren Höhe über dem Boden.