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kanton solothurn

Medizin gegen die Dummheit

Die Remise Bühni Jegenstorf hat einen Bühnen-Klassiker ausgegraben und zeigt damit ihre Klasse.

Medizin gegen die Dummheit

Der Assistenzarzt Jack (Thomas Käser), der Frauenarzt Hiob Prätorius (Jerry Lergier) und Schwester Ellen (Miriam Lüthi) besprechen sich im Krankenhaus. zvg

Curt Goetz’ «Dr. med. Hiob Prätorius», geschrieben 1936, war in den Fünfziger und Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein viel gespieltes und viel beklatschtes Theaterstück. Auch in den beiden Verfilmungen – eine von 1950 mit dem Stückeschreiber selbst und seiner Ehefrau Valérie von Martens in den Hauptrollen, eine andere von 1965 mit den damaligen Publikumslieblingen Heinz Rühmann und Lieselotte Pulver – sorgte die Geschichte um den mysteriösen Tod eines beliebten Frauenarztes für Unterhaltung, traf aber mit ihrer feinen Gesellschaftskritik damals genau den richtigen Ton. Wahrscheinlich ist es eben diese Tonalität, diese feine Klinge, mit der der Stückeschreiber seine Pointen setzte – nie plakativ, nie billig – ein Grund, warum das Stück heute nur noch selten auf die Spielpläne gesetzt wird.

Zum 40. Geburtstag

Umso schöner, dass die Remise-Bühni Jegenstorf sich und seinem Publikum zu ihrem 40-jährigen Bestehen diesen Klassiker wieder mal vor Augen führt. Es ist die 44. Produktion der Theatercrew, die seit 1977 in Jegenstorf zunächst in einem ausgedienten Kohlelager und seit 2005 in einer ehemaligen Mosterei Laien-Theater vom Feinsten präsentiert. Auch mit dieser Inszenierung bleibt sich die Remise-Bühni ihrem Leitbild treu: Sie bringt Stücke der Weltliteratur in selbst erarbeiteten Dialektfassungen auf die Bühne. Zur Handlung: Im England der 1920er-Jahre sind der Frauenarzt Dr. med. Hiob Prätorius und seine junge Ehefrau Violetta bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Zwei Kriminalisten, Feminina Holmes (Marianne Hiltbrunner) und der Krimiautor Dr. Watson (Hubert Helfer) stellen Überlegungen an, warum der eloquente und allseits beliebte Arzt jetzt tot ist: War es Mord, Selbstmord, oder ganz einfach ein Unfall? Licht ins Dunkel bringt die Erzählung des geheimnisvollen Herrn Shunderson (Roland Graf), der in Diensten des Arztes stand und den Unfall überlebte.

Neid und Dummheit

In der Rückblende nimmt das Geschehen seinen Lauf. Prätorius (Jerry Lergier) ist beliebt bei Patienten, im Ärztekollegium und bei der Studentenschaft. Lediglich sein Kollege, der schrullige Professor Spiter (Stephan Greder) missgönnt ihm den Erfolg. Eines Tages wird Prätorius von der jungen Patientin Maria Violetta (Martina Inniger) wegen einer ausserehelichen Schwangerschaft konsultiert. In ihrer Verzweiflung begeht sie einen Selbstmordversuch. Prätorius nimmt sich der jungen Frau an und verliebt sich in sie. Die beiden heiraten. Doch das Glück und die Beliebtheit von Prätorius schürt den Neid von Professor Spiter weiter. Er zerrt ihn vor ein Ehrengericht, wo es Prätorius aber gelingt, mit Witz und erstaunlichen Enthüllungen alle Vorwürfe zu entkräften. Und dann verunfallen die Beiden auf der Fahrt in die Oper...

In witzigen und stringenten Dialogen wird über menschliche Unzulänglichkeiten – im Grossen wie im Kleinen – über Neid, Hass, Krieg und ganz besonders über Dummheit debattiert und philosophiert. Prätorius bemüht sich als Arzt beständig, die Mikrobe der menschlichen Dummheit zu finden, denn diese ortet er als Ursache von Neid, Hass und Krieg.

In der Regie von Hans Peter Incondi ist eine rasante, gut durchdachte Ensembleleistung zu sehen. Jerry Lergier ist mit der Hauptrolle Dreh- und Angelpunkt für Zuschauer und für seine Mitspieler. Bis in die kleinste Nebenrolle konnte der Regisseur die passenden Darsteller finden. Detailverliebt und damit sehr authentisch werden alle Charaktere interpretiert. Als Highlight bleibt sicher die Ehrengerichtsszene im Gedächtnis haften. Stimmige Kostüme und ein besonders kluges und einfallsreiches Bühnenbild machen diesen Theaterabend perfekt.

www.remise.ch. Aufführungen bis Juni.