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Das Borderline-Magazin

Von Christian Mensch

Die «Republik» hat nach einem Jahr die Erwartungen weit übertroffen – und ebenso weit verfehlt

Das Borderline-Magazin

Widersprüchlich: Die «Republik» haust in einem heruntergekommenen Hotel. Key

Der Start der «Republik» war fulminant. Mit 16000 Abonnenten startete das Online-Magazin vor Jahresfrist über den Erwartungen; 8000 kamen seit der Lancierung dazu. Das Crowdfunding brachte mit 3,4 Millionen Franken mehr Mittel, als zu hoffen war. Geldgeber wie die Gebrüder Meili legten zudem 3,5 Millionen Franken Risikokapital bereit. Das Fundament war überraschend stabil.

Nun folgen die Wochen der Bewährung. Die Abonnenten der ersten Stunde haben per Einzahlungsschein zu bekunden, ob ihnen die «Republik» erneut 240 Franken wert ist. Es fällt ihnen schwer, wie Gesprächen zu entnehmen ist, selbst jenen in der Blase der mutmasslichen Kernzielgruppe. «Ich lese fast nichts», sagt ein politisch links stehender, als junger Pensionär mit Zeit gesegneter Zürcher Psychiater. «Ich überfliege bloss den täglichen Newsletter», sagt ein anderer Früh-Abonnent und ansonsten Vielleser. «Man muss die Artikel nicht gelesen haben, um beim Thema ‹Republik› mitreden zu können», sagt ein Journalist, der ein Abo als Solidaritätsabgabe löste.

Und doch werden Abonnements erneuert. 6300 haben – Stand diese Woche – bisher zugesagt. Auch der Psychiater zahlt wieder ein. Dies sei er, wie er sagt, seiner Peer-Group geschuldet. Die «Republik» gehört zum Lifestyle des urbanen Bildungsbürgers; sie ist das zeitgemäss digitale Pendant zu den ungelesenen Klassiker-Ausgaben in den Buchregalen der Grossväter-Generation.

Geldgeber Daniel Meili sagte in der «Bilanz» dennoch, er rechne mit einem «Crash», einer Quote von lediglich dreissig bis fünfzig Prozent, die erneuerten. Die Redaktion legt die Latte höher; sie will zwei Drittel zur Abo-Verlängerung bringen. 10000 sollen es bis Ende Januar schon werden. «Weniger als 8000 wären schlecht», sagt «Republik»-Mitbegründer Christof Moser. Treffen zudem täglich 21 neue Bestellungen ein, sei die «Republik» auf Kurs.

Spärliche Erinnerungsspuren

Der Erfolg, so er sich bestätigt, ist paradox. Obwohl die «Republik» allein mit ihrem Journalismus für sich werben will, macht der eigentliche Journalismus den kleinsten Teil ihres Erfolgs aus. Selbst dem Geldgeber Meili fällt konkret zuerst und zuletzt die ausgreifende Nacherzählung des «Bündner Bauskandals» ein auf die Frage nach den publizistischen Highlights des ersten Jahres. Andere erwähnen vielleicht noch die akribische Beobachtung des Islamistenprozesses um die Winterthurer An’Nur-Moschee. Selbst die im internationalen Verbund recherchierte Geschichte des CumEx-Skandals, der europaweiten Steuerhinterziehung mittels Finanztrickserei, hat aber kaum Erinnerungsspuren hinterlassen.

Ein Problem ist dies nicht: Das Reden über die «Republik» ist bedeutsamer als der publizierte Artikel. Wichtig ist zu wissen, dass Ex-«Magazin»-Kolumnist Daniel Binswanger nun in der «Republik» publiziert. Nicht aber, was er da schreibt. Wer zahlt oder auch bloss mitredet, wird Teil jenes Findungsprozesses, was die «Republik» eigentlich leisten soll und vor allem: was Journalismus heute noch zu leisten vermag.

Der Schatten von Relotius

«Republik»-Mitbegründer und Aphoristiker Constantin Seibt formulierte, das Magazin wolle «nicht die ersten, aber die definitiven Geschichten» schreiben. Er brachte mit diesem Gegenrezept das Unwohlsein auf den Punkt, das Medienkonsumenten mit Fast-Food-Inhalten haben, die von ausgedünnten Redaktionen aufgekocht werden. Mit der «Longform» als einzig wahre Wirklichkeitserzählung, für die eigens die Stelle eines «Head Storytelling» geschaffen wurde, folgt die «Republik» allerdings auch einem internationalen Trend. Ungünstig ist bloss, dass ausgerechnet jetzt der «Spiegel»-Journalist Claas Relotius genau diese Sorte detailfixierter Reportage mit freier Fantasie in Misskredit gebracht hat.

Vorbild Baron Münchhausen

Doch auch ohne Relotius: Baron Münchhausen müsste Schirmherr im «Hotel Rothaus» sein, wo sich die «Republik» in kleinen, heruntergekommenen Hotelzimmern eingemietet hat. So wie die literarische Figur behauptet, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen zu haben, will die Redaktion den Journalismus wagemutig in einem Try-and-Error-Verfahren aus sich selbst heraus retten.

Der Ort der Redaktion, eine stillgelegte, weil nicht rentierende Unterkunft der Geldgeber Meili an der Langstrasse, ist symbolisch für den widersprüchlich verlaufenden Prozess. Er liegt im alten Multikulti-Teil Zürichs, aber an der Schnittstelle zur mondänen Europaallee, dem Hotspot eines neuen Zürichs, wo sich das globale Gegenmodell Google eingemietet hat. Die Verortung ist lokaler WG-Groove, die Referenz ist international. Und international wird die «Republik» als Teil innovativer Medienexperimente bereits wahrgenommen. Damit wird die «Republik», trotz minimalem Publikum, auch zum Referenzobjekt für Schweizer Journalisten. Das ist mehr, als von einem Magazin nach einem Jahr erwartet werden konnte.