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Leben & Wissen

Plötzlich sind da drei neue Stiefenkel

Von Kristina Reiss (Text) undSabine Rufener (Illustration)
Plötzlich sind da drei neue Stiefenkel

Der Umgang mit Enkeln und Stiefenkeln verlangt von den Grosseltern viel Fingerspitzengefühl.

Eigentlich hatte Helene nicht mehr damit gerechnet, nochmals Grossmutter zu werden. Die 78-jährige dreifache Mutter hatte bereits sechs Enkel zwischen 16 und 23 Jahren, als sich unverhofft Nachwuchs im Dreierpack einstellte: Fünf, sieben und acht waren die Mädchen, die die neue Partnerin ihres jüngsten Sohnes vor zwei Jahren mit in die Beziehung brachte. «Kurz habe ich geschluckt», gibt Helene unumwunden zu. «Allerdings nicht wegen der neuen Enkel, sondern wegen der Trennung meines Sohnes von der Schwiegertochter. Familie war schon immer das Wichtigste für mich. Mit meinem Mann war ich fast ein halbes Jahrhundert verheiratet, bis zu seinem Tod.»

Menschen leben zusammen, trennen sich und verlieben sich neu. Daraus entstehen zusammengewürfelte Gemeinschaften: Patchworkfamilien. Laut Bundesamt für Statistik gehören sechs Prozent der Schweizer Familienhaushalte mit Kindern unter 25 Jahren zu dieser Familienform – Tendenz steigend. Glaubt man Prognosen, wird in etwa zwanzig Jahren die Patchworkfamilie die in der Schweiz häufigste Lebensform sein.

Sich aus der Beziehung der eigenen Kinder raushalten

Auch Grosseltern müssen in diesem Geflecht ihren Platz erst finden. Denn bevor es zu einer Patchwork-Konstellation kommt, bricht zunächst eine Familie auseinander – zu der sich auch Grosseltern einst zugehörig fühlten. Deshalb geht die Trennung an ihnen nicht spurlos vorüber. Sie verlieren Schwiegertochter oder -sohn, sehen manchmal ihre Enkel kaum noch, haben aber dafür vielleicht plötzlich Stiefenkel. Und sie müssen sich vor allem von einem traditionellen Familienbild verabschieden.

«Das Schwierigste ist, wenn Grosseltern in solchen Situationen ihre erwachsenen Kinder immer noch wie Kinder behandeln und auf sie einreden – im Sinne von ‹ihr müsst euch wieder versöhnen› oder ‹trennt euch endlich›», sagt der Psychotherapeut Thomas Hess. Zusammen mit seiner Partnerin Claudia Starke, die ebenfalls Psychotherapeutin ist, berät er in der gemeinsamen Praxis in Männedorf und Wädenswil (ZH) Familien in Trennungssituationen. Das Paar lebt selbst in einer Patchworkfamilie und hat ein Buch dazu herausgegeben. «Grosseltern sollten als wichtige Ressource für die Enkel da sein, sich aber aus der Beziehung der eigenen Kinder komplett raushalten, was natürlich sehr schwierig ist», sagt Claudia Starke. Insbesondere in den ersten ein bis drei Jahren sei das System einer neuen Patchworkfamilie noch sehr fragil und vertrage wenig Einmischung von
aussen.

Helene hat dies damals erlebt. «Zu meiner Ex-Schwiegertochter, mit der ich mich schon immer sehr gut verstand, hatte ich anfangs noch viel Kontakt», erzählt sie. «Was meinem Sohn aber gar nicht gefiel. Irgendwann merkte ich, dass ich mich mehr zurücknehmen muss.» Heute konzentriert sie sich ganz auf ihre Enkel und versucht, die nach wie vor schwierige Beziehung von deren Eltern auszublenden. «Gut so», sagt Claudia Starke, «nichts ist schlimmer für die neue Patchworkfamilie, als wenn sich Grosseltern gegen die eigenen Kinder stellen, um den Kontakt zu den Enkeln nicht zu verlieren.» Stehen Oma und Opa weiter mit Ex-Schwiegerkindern in Verbindung, sollten sie äusserst sorgsam vorgehen. Und vor allem nicht hinter dem Rücken Kontakt zu Ex-Partnern aufbauen. «Generell ist es gut, sich als Grosseltern lieber einmal zu viel als zu wenig zurückzuhalten», so die Psychotherapeutin.

Wie den Kontakt halten
und die Distanz wahren?

Die 74-jährige Maria teilt sich mit ihrem Sohn und dessen Familie ein Zweifamilienhaus auf dem Land. Als es bei dem jungen Paar kriselte und die Ehe in die Brüche ging, zog die Schwiegertochter mit der damals
14-jährigen Enkelin aus, der 16-jährige Enkel blieb beim Vater. Seitdem hat Maria kaum noch Kontakt zu dem Mädchen. «Meine Schwiegertochter und ich hatten von Anfang an das Heu nicht auf der gleichen Bühne», sagt sie, «über die Trennung war ich fast schon froh, das hat nie wirklich gepasst zwischen den beiden.» Ihr Sohn fand schnell eine neue Partnerin, die Maria sehr mag und mit der sich auch ihr Enkel arrangiert hat – im Gegensatz zur Enkeltochter. «Sie nimmt es mir übel, dass ich die neue Frau ihres Vaters selbstverständlich zu Geburtstagen und Weihnachten einlade», sagt Maria. «Was ich ihr nicht verdenken kann. Aber es bricht mir das Herz, dass wir keinen Zugang mehr zueinander finden.»

«Es liegt in der Natur der Dinge, dass Eltern meist für ihr Kind Partei ergreifen und nicht für dessen Ex-Partner», gibt Thomas Hess zu bedenken. Genauso stellten sich Kinder häufig hinter den schwächeren Elternteil. Wichtig für Grosseltern, denen am Kontakt zu ihren Enkeln liegt, sei es deshalb, auf keinen Fall Partei zu ergreifen – selbst wenn die Schwiegertochter den geliebten Sohn verlassen oder der Schwiegersohn ein Doppelleben geführt hat. «Denn ein Kind kann es nicht aushalten, wenn Mama oder Papa abgelehnt werden», sagt Claudia Starke. «Auch wenn es nicht offen thematisiert wird: Kinder spüren das; sie haben sehr feine Antennen.»

Und plötzlich sind die Enkel
ganz weit weg

Waren es bisher oft Väter, die nach einer Trennung darum kämpfen mussten, ihr Kind zu sehen, trifft diese Sorge zunehmend auch Grosseltern. So wie Walter, dessen einziger Sohn sich vor drei Jahren von seiner Frau scheiden liess. Sie zog daraufhin mit den beiden Kindern in ihre Heimat zurück, 500 Kilometer weit entfernt. Der 68-Jährige sieht seither seine beiden Enkel, 5 und 6 Jahre alt, kaum noch. «Zu den Eltern unserer Ex-Schwiegertochter hatten die Kinder schon immer mehr Kontakt als zu uns, doch auch bei unserem Sohn sind die beiden mittlerweile nur sehr selten. Für uns bleibt da noch weniger Zeit.» Die Situation belastet Walter und seine Frau, sind die beiden doch ihre einzigen Enkel.

Haben Grosseltern ein Recht, ihre Enkel zu sehen? «Nein», sagt Therapeut Hess, auf vermeintliche Rechte zu pochen, sei da auch kein guter Ansatz. Hingegen seien die leiblichen Eltern immer der Schlüssel zu den Enkelkindern. Konkret heisst dies: Versuchen den Kontakt zu halten, nicht nachlassen. Mehr könnten Grosseltern nicht tun.

Eifersüchteleien zwischen
den Enkeln und Stiefenkeln

Wie aber verhalten sich Oma und Opa, wenn zu den eigenen Enkeln plötzlich noch Stiefenkel hinzukommen? «Sich und den Kindern Zeit lassen, nichts überstürzen», empfiehlt Claudia Starke. Ein Ratschlag, der für Helene nicht einfach umzusetzen war: «Anfangs haben sich meine drei Patchwork-Enkelinnen regelrecht auf mich gestürzt, denn ihre leiblichen Grosseltern leben im Ausland.» Dies war für die beiden Kinder ihres Sohnes – obwohl bereits Teenager und
gar nicht mehr so sehr am Grosi interessiert – nicht leicht. Es gab die üblichen Eifersüchteleien: «Bekommen die Mädchen von Grossmutter etwas Grösseres zu Weihnachten geschenkt als wir?», befürchteten die Buben ihres Sohnes. Sehr viel Fingerspitzengefühl sei hier gefragt gewesen, sagt
Helene.

«Zu leiblichen Enkeln haben viele Grosseltern einfach einen anderen Bezug – und das ist auch völlig in Ordnung», sagt Claudia Starke. Gehe es darum, Zeit zu verteilen, dürften diese deshalb ruhig ein bisschen mehr bekommen. Trotzdem sollten Stiefenkel nicht leer ausgehen. «Manchmal hilft es auch, getrennt mit Patchwork- und leiblichen Enkeln Zeit zu verbringen.» Und was Geschenke angehe: Grosseltern sollten sich unbedingt immer zuerst mit den leiblichen Eltern absprechen, bevor sie das Portemonnaie
zücken.

Helene hat in all den Jahren nie zwischen ihren Enkeln unterschieden und stets stolz von «meinen neun Enkeln» erzählt. «Für mich sind alle gleich, und das möchte ich auch so signalisieren», sagt sie. «Gerade für Kinder ist die Trennung der Eltern doch immer auch traumatisch. Da finde ich es wichtig, dass sie sich auf Grosseltern verlassen können – ob Patchwork oder nicht, spielt für mich keine Rolle.» Mittlerweile funktioniere ihre neu zusammengewürfelte Familie prima, «auch wenn Patchwork insgesamt ein recht kompliziertes Konstrukt ist.»

Für das Therapeutenpaar Starke und Hess wiederum ist klar: «Grosseltern helfen Enkeln, indem sie eine verlässliche Grösse für sie darstellen.» Dies sei die Chance von Grosseltern: «Den Kindern eine Konstante bieten in einer unsicheren Zeit, in der scheinbar alles andere zusammenbricht.»