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Die Erfindung des Choreografen Deroc

Von Michael Flückiger

Zofingen Fabian Chiquet lädt im Kunsthaus zum Pas de Deux mit dem faszinierenden Pionier Jean Deroc.

Die Erfindung des Choreografen Deroc

Im Unter-, wie auch im Obergeschoss sind je drei Bildschirme in ein Ensemble von angeschrägten Ballettstangen hineingestellt. Dazu kommen vier mit schwarzer Kohle an die Wand gemalte Zitate. Mehr Material braucht diese Ausstellung nicht. «Fabian Chiquet. eine Tanzstunde mit Jean Deroc» ist konfrontativ. Acht Personen stellen dem Publikum die Geschichte der freien Tanzszene Schweiz und ihren wichtigsten Förderer aus ihrer ganz eigenen Perspektive vor. Die Installation macht ihr Publikum zu Spurenlesern in einem Fluss von Erinnerungen.

Wer war er denn, Jean Deroc (1925–2015)? Die Antwort scheint schnell gegeben: Ein grosser Choreograf, Vermittler und Tänzer. Ein Pionier abseits der Theaterhäuser. Er hat die Königsfelder Festspiele erfunden und zu dem gemacht, was sie sind. Darüber hinaus hat er weltweit Tanzende, Publikum und Geldgeber auf derart einnehmende Art verführt, dass sie sich dies nur zu gerne gefallen liessen.

Performance Lectures

Der 33-jährige Künstler Fabian Chiquet bemüht sich in seiner Ausstellung zu Jean Deroc gar nicht erst um Objektivität. Der Figur dieses visionären Choreografen dient ihm als Ausgangspunkt für eine experimentelle Installation mit Erinnerungen von Zeitzeugen. Es ist, als ob Fabian Chiquet durch einen Leitsatz Derocs zur Ausstellung animiert worden wäre: «Die Wahrheit liegt nun mal in der Bewegung, die Wahrheit liegt nicht im Wort. Nur in der Bewegung gelingt es den Menschen, sich in ein Gefühl hinzusteigern: Das Gefühl der Liebe, des Hasses, der Anbetung.»

Diese Sätze wie auch viele andere Ansichten und persönliche Erinnerungen Derocs hat Fabian Chiquet von einem Schauspieler zu einem vierzigminütigen Hörbuch einsprechen lassen. Dieser imitiert ganz bewusst den Tonfall des Choreografen – eines Menschen, der die Welt als Bühne sieht und mit fast naiver Verwunderung, aber auch viel Koketterie beschreibt, was für eigenartige Szenarien sich auf ihr abspielen. Wer sich in die zu zwei Mal drei Bildschirmen angeordnete Installation hineinbegibt, sieht acht Weggefährtinnen und Weggefährten dabei zu, wie sie in ihren Ballettsälen den umschmeichelnden Sätzen Derocs lauschen, während sie einen direkt anblicken. Bisweilen legt sich ein Schleier der Erinnerung über ihre Netzhaut. Dann unterbrechen sie unvermittelt die Tonspur, geben einen Kommentar ab, bestätigen, widersprechen, ergänzen oder schmücken aus.

Erinnerungen und Anekdoten

Armin Wild (78) ist einer, der die besonderen historischen Gegebenheiten mit zusätzlichen Erzählungen und Anekdoten ausleuchtet. Er erzählt, wie sie in Manila die glatten Tanzböden mit klebrigem Coca Cola rutschfest machen mussten. Daniell Ficola gibt sich aufmüpfig: «Jean Deroc war ein Populist, redete den Leuten nach dem Bauch. Er konnte sie dazu bringen, im Tanz das zu sehen, was er ihnen erzählte.» Sie sagt auch: «Er hatte Humor, Witz, Sarkasmus, manchmal sogar Zynismus. Aber ein Clown war er nicht.»

Georg Weber, sein ehemaliger Kommunikator erzählt: «Kaum kam er in einen Raum, nahm er alles szenisch in den Blick. Für Jean Deroc war Tanz immer etwas Märchenhaftes, das in einer höfischen Welt stattfand, einer Welt der grossen Säle, des Geldes und des Plüschs.» Wobei Derocs Verdienst darin bestand, diesen Glanz nicht nur international auf die grossen Bühnen der Welt hinauszutragen, sondern auch in sehr profane Turnhallen und Säle hinein. Zu hören und zu sehen sind zudem die Tänzerinnen und Tänzer Christina Maria Meyer, Evi Birmele, Monika Linder, Markus Bühlmann sowie der Musiker Bruno Spörri.

Die Begegnung mit Deroc durch die Augen von Menschen, die mit ihm gearbeitet haben, ist eine faszinierende Entdeckungsreise, auf die man sich ganz und gar einlassen sollte. Es lohnt sich.

Die Ausstellung «Fabian Chiquet. Eine Tanzstunde mit Jean Deroc» dauert bis zum 13. Januar 2019. Die Vernissage findet am 1. Dezember um 17 Uhr statt. Öffnungszeiten: Do 18–21 Uhr, Sa/So 11–17 Uhr. – www-kunsthauszofingen.ch