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Serie: Schweizer LyrikAriane von Graffenried (*1978)

Sprachverwirrung
als Tugend

Von Florian Bissig
Sprachverwirrungals Tugend

Mit unseren Mundarten erzeugen wir in der Schweiz schon in der nächsten Stadt Stirnrunzeln, und unsere Schriftsprache, so empfinden manche, müssen wir als Fremdsprache lernen. Während wir uns mit Kohäsionsmilliarden von Französischvokabeln kasteien, wird unser Wortschatz von Anglizismen perforiert. Den Rest geben uns die Idiome der Immigranten, deren sonore Reibelaute den Strassensprech prägen. Die babylonische Sprachverwirrung hat uns Deutschschweizer hart getroffen.

Dass man dieses Babylon nicht nur beklagen, sondern auch begrüssen, ja umarmen kann, demonstriert das Autoren- und Musikerkollektiv «Bern ist überall», und in exemplarischer Weise ihr Mitglied Ariane von Graffenried. Ihr Wirken als Schriftstellerei zu bezeichnen, greift zu kurz. Die Texte der Spoken-Word-Künstlerin sind darauf angelegt, aufgeführt zu werden. Als Teil des Duos «Fitzgerald & Rimini» steuert sie ihre Texte zu einem Gesamtkunstwerk aus Musik, Geräusch und Poesie bei.

Dialog mit dem Rapper

Auch «Promenade» ist Teil eines Zusammenspiels. Auf der CD «Renens» von «Bern ist überall» ist der Text Teil eines Dialogs mit dem Westschweizer Rapper Cali Cali und wird musikalisch unterlegt. Im Band «Babylon Park» bietet von Graffenried ihre Bühnentexte zur stillen Lektüre an. Die klanglichen Elemente sind nun von der inneren Stimme zu realisieren. Dafür bleibt mehr Zeit, ihnen nachzulauschen.

Es beginnt mit einem gemütlich gedehnten berndeutschen «Zähni», dass bereits andeutet, dass es ein wenig später wird. Irgend «öppis ungraads» nach zehn ist es, also bloss «chli z spät». Zum Glück ist es ein «Rendez-vous flex», ein flexibles Treffen zum kleinen Spaziergang. So wie sich «Bern ist überall» für die CD-Produktion in Renens bei Lausanne mit Westschweizer Kollegen vereinigte, so vereinigt sich hier die Berner Sprecherin mit ihrem welschen Gegenüber. Dabei bildet das französische «promenade» einen nicht ganz reinen Reim auf «ungraads» und schlägt so eine Brücke über den Röstigraben.

Die Patrizierin hört zu

Die folgenden Zeilen wiederholen das Spiel mit dem sprachübergreifenden Reim mit Französisch und Englisch. Der Wind bläst «de l’est / im nouveau west» und führt so zu einem ganz behutsamen Clash der Sprachen. Der «Clash of classes» dürfte schärfer sein in diesem neuen Westen, an dem vielleicht schicke Besserverdiener auf prekäre Figuren mit Migrations- oder Künstlerhintergrund treffen. Diese soziologische Beobachtung hat auch eine selbstreferenzielle Ebene. Ariane von Graffenried entstammt einem Berner Patriziergeschlecht, das während Jahrhunderten über das Waadtland herrschte.

Mit dem Duft von Schnee in der Nase wird der Sprecherin nun «Dizzy / au carrefour / des idées», schwindlig im Kaufhaus der Ideen. Die Fülle von Optionen wird mit dem Überfluss an Konsumangeboten verglichen. «Dizzy», das mit «des idées» einen raffinierten Stabreim bildet, könnte auch eine Referenz an den Bebop-Trompeter Dizzy Gillespie sein, der just am Samstag vor hundert Jahren geboren wurde.

In ihrem Schwindel verspürt die Sprecherin nun ein «Sunntigs-Eskapade-Arrangement», das Anlass zu den wildesten Fantasien gibt, wohin der zweisame Spaziergang wohl noch führt. Und endlich kommt der Frühling. Der Schlusssatz des Gedichts ist keine meteorologische Prognose. Er verweist auf den Sonntagmorgen des flexiblen Rendez-vous mit seinem Potenzial zum abenteuerlichen Aufblühen.

Zur Blüte kommt in den wenigen Worten von «Promenade» auch die Sprache. Mit Reimen, Anklängen und einem vorwärtstreibenden Rhythmus lässt es die Verwandtschaft in der Verschiedenheit erfahren und steckt an mit dem lustvollen Spiel in den Trümmern von Babylon.