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Auf ein Wort: Getreidegarben – Schnee von gestern

Erst seit etwa 60 Jahren wird im Mittelland das Getreide gleich beim Mähen gedroschen; vorher war das Dreschen wie das Holzen eine Winterarbeit. Die Garben lagen oben in der Scheune und wurden dann in die Tenne hinunter geworfen, wo man sie aufschnitt und mit der Dreschmaschine verarbeitete, noch früher mit den Flegeln. Das Dreschen war eine äusserst staubige, ungesunde Arbeit. Was die Sprache betrifft, so sagte man bei uns, im Südaargau, nicht Tenn oder Tänn, sondern Tern mit eingeschobenem r.

Der Garbenboden über der Tenne bestand aus grob behauenen Balken und hatte in jeder Gegend seine eigene Benennung. Am Westrand, so im Berner Seeland, sagt man Soller, Tennsoller. Das Wort entspricht dem veralteten hochdeutschen Söller (offene Plattform); es ist schon althochdeutsch belegt, stammt aber wie das rätoromanische sulèr (Hausgang) vom lateinischen solarium (Sonnenterrasse) ab. Das zweite Wort, die Brügi, ist im Birstal und in der Nordostschweiz, vom Ostaargau bis ins Appenzellerland, gebräuchlich. An andern Orten bezeichnet Brügi den Platz in der Scheune für das Heu (Höibrügi), das Läger (Lagerstelle) für das Vieh oder eine Theater-, Tanzbühne; immer ist es eine Fläche aus Brettern, sprachlich verwandt mit Brugg. Im Aargauer Jura und im Baselbiet lagen die Garben auf der Oberte – nicht etwa aus Ober-Tenn entstanden, sondern als Ableitung zum Adjektiv ober (höher gelegen).

Das vierte Wort, die Reiti, dominiert im Gebiet Solothurn–Brugg und südlich davon. Eine Reiti ist von der Bedeutung her ein Lagerraum, der Ort, wo man reitet (etwas be-reit stellt); die norddeutsche Reede (Ankerplatz) ist damit verwandt. Das Aargauer Verteilungsbild im Sprachatlas beeindruckt: Bei Brugg stossen nämlich Oberte, Brügi und Reiti aufeinander, ganz ähnlich wie bei der Verteilung von tief, tüüf (im Nordwesten bzw. Nordosten) und töif (im Süden). Der Aargau ist sprachlich nicht weniger vielfältig als die Geschichte seiner Teilgebiete.