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Kultur

Die unsichtbare Gottheit

Von Mathias Balzer

Basel Im Haus der elektronischen Künste haben die Bytes und Bits das Kommando

Die unsichtbare Gottheit

Ralf Beckers Installation «Mirage» wandelt die Strahlungen des Magnetfeldes im Balser HEK in das Bild einer wabernden Landschaft um.ZVG.

Lesen Sie diesen Artikel online? Waren Sie heute bereits auf Facebook oder Twitter? Haben Sie ihre Ferien im Netz gebucht und erhalten nun täglich weitere Angebote? Haben Sie heute Cumulus-Punkte gesammelt? Dann willkommen in der Welt der Algorithmen. Diese machen jeden Nutzer von Suchmaschinen, Social-Media-Portalen und Kreditkarten zum gläsernen Menschen. Algorithmen sind das Tool, mit dem unsere Netzdaten gesammelt, neu verknüpft und dann für geschäftliche und politische Zwecke gesteuert werden.

«Ein Algorithmus ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems», heisst es im algorithmus-gesteuerten Online-
Lexikon. Das hilft dem Mathematik-
Banausen nicht unbedingt weiter, will er verstehen, was da im weiten Paralleluniversum des Netzes wirklich abgeht. Bits und Bytes durchdringen unseren Alttag immer mehr, aber die Wenigsten wissen genau Bescheid darüber, wie das funktioniert.

Vielleicht hilft ja die Kunst weiter. Seit 2011 gibt es in Basel das Haus der elektronischen Künste (HEK). 2014 bezog die Institution die jetzigen Räumlichkeiten am Freilager-Platz 9 in Basel. Dort läuft zurzeit die Ausstellung «unREAL. Die algorithmische Gegenwart». Sie versammelt 24 Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler, welche die «oft verborgene Materialität der Bits und Bytes anschaulich macht», verspricht der Text der Einladungskarte. Konzipiert wurde die Schau in Zusammenarbeit mit dem Chorus Art Center in Schanghai.

Aus Spucke wird Skulptur

Die Ausstellung beginnt auf den ersten Blick spektakulär undigital. An der Wand sind Köpfe aufgereiht, puppenhaft und ausgehöhlt. Jedem Kopf ist eine schwarze Box zugeordnet. Darin in Plastikdosen ein Zigarettenfilter, ein Haar oder ein Kaugummi. Zettel mit Angaben zum Fundort ergänzen das Ensemble. Der Clou daran: Die amerikanische Künstlerin Heather Dewey-Hagborg liess die genannten Fundstücke auf ihre DNA untersuchen und spies mit diesen Daten ein Computerprogramm, das an der Universität Basel entwickelt wurde.

Das Programm erstellt aufgrund der DNA ein Phantombild der Person, die, beispielsweise, den Kaugummi weggeworfen hat. Die Künstlerin wiederum liess diese Phantombilder in 3-D ausdrucken. Wir sehen also die Phantommasken unbekannter Menschen, die irgendwo etwas weggeworfen haben.

Dewey-Hagborg hat das Verfahren getestet. Aus der DNA der amerikanischen Whistleblowerin Chelsea Manning konnte sie eine 3-D-Maske mit verblüffender Ähnlichkeit herstellen. Aus ein wenig Spucke macht der Algorithmus also eine Büste: und schon ist unklar, ob man jetzt wegen der gut funktionierenden Klimaanlage oder wegen der Kunst leicht fröstelt. Hier wird die Macht der Bytes unheimlich, ein wenig wie in der britischen Fernsehserie «Black Mirror». Dort wird die schöne neue digitale Welt zum Ort des blanken Horrors.

Das poetische Potenzial der Bits

Die Ausstellung zeigt uns aber keineswegs nur die problematischen, sondern auch die poetischen Potenziale der Algorithmen. Etwa «The Fool’s Ballad», eine Installation der Schweizerin Zahra Poonawalas. Nähert sich der Besucher dem auf ein Gestänge platzierten Lautsprecher, wendet sich dieser ihm zu. Eine Arie ertönt, bricht nicht ab, solange der Mensch davor steht. Der Lautsprecher folgt dem Zuhörer, wenn dieser sich um die Installation herum bewegt. Kommt er der geheimnisvollen Stimme zu nah, bittet diese um Abstand und zischt: «Step Away».

Solch spielerische Ansätze sehen wir auch bei der Installation der deutschen Künstlerin Kerstin Ergenzinger. Sie benutzt kleine Thermodrucker und Papierstreifen, wie wir sie von Warenhauskassen kennen – und dreht das Spiel um. Bei ihr bewegen sich die kleinen Drucker den durch den Raum gespannten Papierstreifen entlang und hinterlassen Spuren ihrer Wanderung.

Die Schweizer André et Michel Décosterd machen einen Lüftungsschlauch zu einem sich zu Klängen windenden Wesen, das in einer Blackbox gefangen ist. Der Spanier Fito Segrera führt das Prinzip automatisierter Bild- und Textgewinnung ad absurdum. Seine motorisierte Kamera schiesst Bilder eines einfachen Gartenstuhls. Die Algorithmen formen aus diesen Informationen Sätze oder suchen entsprechende Bilder im Netz.

Innenleben nach Aussen gekehrt

Wie sich Signale durch Algorithmen fortpflanzen, demonstriert Ralf Becker. Ein Sensor nimmt die Veränderungen im magnetischen Erdfeld in Echtzeit war. Die Daten speist der deutsche Künstler in einen filigran konstruierten Apparat, der wiederum das Bild einer sich extrem langsam verändernden Landschaft an die Wand projiziert. Beckers Installation ist beispielhaft für das Vorgehen der Künstlerinnen und Künstler in dieser Ausstellung. Sie stülpen die sonst in Bildschirmen, Beamern oder Handys verborgene Technik nach aussen, demontieren und zeigen das ansonsten verborgene Innenleben.

Der Algorithmus selbst jedoch bleibt unsichtbar wie Gott in der Kirche. Wir können seine Existenz bloss erahnen und staunen ob seiner Wirkungsmacht. Gut, dass die Kunst diese neue Gottheit reflektiert, ihre Potenziale erforscht und mit ihr unbeschwertere Spiele treibt als die Geheimdienste.

Die Anleitung zu diesen Spielen findet sich im übersichtlich gemachten Infoblatt zur Ausstellung. Für deren letzte Koje lohnt es sich übrigens, etwas Zeit einzuplanen. Dort werden zwölf rund vierminütige Videoarbeiten und Web-basierte Visualisierungen vorgestellt. Auf dem Sofa sitzend erliegt der Besucher den betörenden Oberflächen – vollkommen algorithmusvergessen.

«unREAL. Die algorithmische Gegenwart». Bis 20. August. Haus der elektronischen Künste. Basel.