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Kultur

«Wir müssen alten Zeiten nicht nachtrauern»

Von Stefan Künzli

Podiumsdiskussion der Pro Argovia zum Thema «Kultur-Journalismus».

«In den Medien scheint der Kulturjournalismus an Bedeutung zu verlieren. Kulturredaktionen werden zusammengelegt mit Gesellschafts- und Lifestyle­redaktionen. Fachspezialistinnen und -spezialisten kann sich kaum mehr eine Zeitung leisten. Braucht es Kulturjournalismus überhaupt noch? Welche Bedeutung hat er tatsächlich für die Medienverantwortlichen?»

So wurde die Podiumsdiskussion der Kulturstiftung Pro Argovia in der Druckerei Baden angekündigt, in der Moderator Urs Tremp die Position des Kulturpessimisten einnahm. In seiner Einleitung beklagte er den Tod des klassischen Feuilletons und stellte eine Verwässerung des Kulturbegriffs fest. «Was gehört heute überhaupt zur Kultur? Etwa auch das Autofahren?», fragte er in die Journalisten-Runde mit Corinne Rufli (AAKU Kulturmagazin), Esther Schneider (SRF), Patrik Müller (CH Media) und Manfred Papst (NZZ am Sonntag).

Der Kulturbegriff hat sich verändert. Es gibt nicht mehr nur die klassischen Kunstsparten. Papst sprach von einer «neuen Unübersichtlichkeit» und betonte, dass die NZZ «keine Berührungsängste mit dem Populären» habe. «Ich halte die Unterscheidung von U und E für unsinnig», sagte er bestimmt. Für Patrik Müller kennt Kultur «keine Grenzen, die Mischung macht’s». Was in der Kultur abgehandelt werde, definiere sich «weniger über Kunstsparten» als über «einen bestimmten Zugriff auf ein Thema». Ganz wichtig sei dabei «die Sprache».

Rufli begrüsste es, dass der jahrelang geltende Kulturkanon der alten weissen Männer «endlich aufgebrochen» wird. Das klassische Feuilleton hat die «Deutungshoheit eingebüsst», sagte Schneider. Es habe mit dem Internet «eine Demokratisierung der Meinungsmache stattgefunden». Für die Kulturredaktoren der klassischen Medien werde deshalb «die Einordnung, Einbettung und Kommentierung» immer zentraler.

Grosse Bedeutung der regionalen Kultur

Grosse Einigkeit herrsche in der Einschätzung über den hohen Wert der regionalen Kultur. Für Schneider ist sie «am Anspruchsvollsten». «Wir hätten gern mehr Mittel», sagte Müller. Er habe «grössten Respekt für die Aargauer Kultur», sagte Papst, lobte die «lebendige Kulturszene», nannte die Aargauer Schriftsteller Klaus Merz, Andreas Neeser, Christian Haller und Michel Mettler sowie das Kunsthaus Aarau («Eines der spannendsten Häuser der Schweiz»). Gleichzeitig bedauert er, dass es in der NZZ keine «Zürcher Kultur» mehr gebe.

Der Kulturjournalismus hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und wird sich weiter verändern. Papst bedauert das nicht: «Wir müssen alten Zeiten nicht nachtrauern», sagt er. «Kulturjournalismus ist gezwungen, sich zu verändern», sagt Müller. Das zentrale Thema sei dabei: «Wie holen wir die Jungen ab?» Unverändert bleibe aber der Stellenwert der Kultur in den klassischen Medien: «Neben Politik wird es den Kulturteil wohl am längsten geben», ist der Chefredaktor von CH Media überzeugt.