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Fernunterricht als Chance: «Man kann immer etwas lernen»

Von Raphael Karpf
Fernunterricht als Chance: «Man kann immer etwas lernen»

Claude Veuve in seinem «Büro», das er sich zu Hause eingerichtet hat.Bild: Sandra Ardizzone

Claude Veuve wirkt ziemlich entspannt. Der 51-jährige Lehrer aus Niederlenz hat gerade die ersten Tage Fernunterricht hinter sich. Das Ganze ist derart gut angelaufen, dass er bereits am Mittwochnachmittag – seine Schüler haben frei – Zeit findet, der AZ ausführlich über das Unterrichten von zu Hause aus zu berichten.

Veuve unterrichtet an der Kreisschule Chestenberg. Realschule, eine neunte Klasse, seit über zweieinhalb Jahren ist er deren Klassenlehrer. Statt in der Schule unterrichtet er von zu Hause aus. Diese Woche ist der Fernunterricht angelaufen. Die Schüler arbeiten nach einem Richtstundenplan, so hat es die Schule vorgegeben. Am Morgen stehen die Pflichtfächer auf dem Programm: Deutsch, Mathe, Realien, Fremdsprachen. Am Nachmittag können die Schüler aus verschiedenen Fächern auswählen, Werken, Sport, Musik oder Zeichnen zum Beispiel. Auch Hausarbeit und Kochen stehen auf dem Programm. Der Stundenplan soll den Schülern Strukturen geben, deren Eltern sollen entlastet werden.

Wie der Stoff konkret vermittelt wird, das konnten die Lehrer zur Freude von Veuve selbst bestimmen: «Der Unterricht funktioniert je nach Stufe, ja sogar je nach Klasse sehr unterschiedlich.» Die Lehrer würden die Umstände am besten kennen. Sie seien deshalb am geeignetsten, passende Unterrichtsformen zu finden.

Auf Verantwortung setzen, nicht auf Kontrollen

Veuve selber setzt stark auf die Eigenverantwortung seiner Schüler. Er hat Wochenpläne kreiert, doch wann genau die Schüler was machen, können sie selbst entscheiden. Die benötigten Materialien stellt er per Onedrive zur Verfügung, dort können sich die Schüler die Unterlagen holen und Fotos der gelösten Aufgaben wieder hochladen. An zwei Morgen finden zudem Videokonferenzen statt, in denen Veuve Stoff vermittelt. Sonnst ist er auf Abruf bereit, um Fragen zu beantworten. Am Ende des Tages müssen die Schüler schliesslich ein Arbeitsjournal ausfüllen und festhalten, was sie gemacht haben.

Und das funktioniert bisher offenbar ganz gut. «Ich war in den ersten zwei Tagen positiv überrascht. Die Schüler sind engagiert und sie arbeiten dann, wenn es verlangt wird.» Wobei es schwierig ist, das ständig zu kontrollieren. Diesen Anspruch hat Veuve aber gar nicht. Er setzt viel mehr auf Vertrauen, statt auf Kontrollen. «Ich stelle einen Gabentisch zur Verfügung, die Schüler können sich bedienen. In welchem Ausmass sie sich bedienen, kann ich nicht kontrollieren.» Die Schüler wüssten, worum es gehe. Sie sind in den letzten Schulwochen, die meisten starten im Sommer eine Lehre. Welchen Stoff sie in der Berufsschule beherrschen müssen, wissen sie. «Und sie sind fähig, sich selber darauf vorzubereiten», ist Veuve überzeugt. Und schliesslich, ergänzt Veuve schmunzelnd, kenne man seine Pappenheimer. Da könne man auch zwischendurch einen Kontrollanruf machen.

Wiederholt betont Veuve, dass die Voraussetzungen mit seiner Klasse für diese Situation sehr gut sind. Er kennt seine Schüler schon lange, sie sind alt genug, um selbstständig zu arbeiten, die technischen Mittel für de Fernunterricht waren vorhanden. Er ist sich bewusst, dass es nicht bei allen Klassen so reibungslos funktioniert. Er hat aber auch das seinige dazu beigetragen: Seit dem Lockdown von Mitte März hat sich Claude Veuve akribisch auf den Fernunterricht vorbereitet, ist jeden Morgen um acht im Büro und beantwortet auch Mal abends noch Fragen seiner Schüler.

Lehrer vermisst Unterricht im Klassenzimmer

Sorgen, dass bei seinen Schülern nun Wissenslücken entstehen, macht sich Veuve keine. Er sieht in der aktuellen Situation sogar eine Chance: «Sachwissen ist das Eine. Ich habe keine Angst, dass sie dort benachteiligt sein werden.» Selbstständigkeit sei das Andere. Er ist überzeugt, dass die Schüler dort einen Vorsprung haben werden. Weil sie verschiedenste Fragen selber klären müssen: Wie richte ich meinen Arbeitsplatz ein? Wie studiere ich einen Wochenplan und wie organisiere ich mich, dass alles gemacht wird? Wie gehe ich vor, wenn ich nicht weiterkomme? Alle dies wird den Schülern in der Lehre zugutekommen. «Man kann immer etwas lernen», so Veuve, «und jetzt kommen bei vielen Fähigkeiten ans Tageslicht, die im normalen Unterricht gar nie zur Geltung kamen.»

Trotz alldem: Veuve vermisst den Unterricht im Klassenzimmer. Und er freut sich darauf, seine Schüler wiederzusehen. Denn, trotz aller technischen Möglichkeiten, die es mittlerweile gibt, ist er überzeugt: «Wissensvermittlung, egal ob Sachwissen, Selbst- oder Sozialkompetenzen, kann nur funktionieren, wenn auch eine persönliche Beziehung aufgebaut werden kann. Das muss im Schulzimmer passieren und nicht über Monitoren.»