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Der Unternehmer und Wirtschaftsprofessor Giorgio Behr über die Zeit nach der Coronapandemie.

Es gibt einen Weg zurück

Von Giorgio Behr
Es gibt einen Weg zurück

Eintritt gabs in Zürich Anfang März nur gegen Vorweisen von ID und Telefonnummer. Bild: E. Leanza/key

Die aktuelle Krise ist einmalig. Dennoch können Erfahrungen aus Restrukturierungen von Unternehmen dazu dienen, Notwendigkeit und Richtigkeit sowie Timing von Massnahmen zu beur­teilen. Restaurants und Läden wurden geschlossen, Umsätze brechen weg. Vielen KMU gehen die Aufträge aus, damit auch die Arbeit für ihre Mitarbeiter. Gleiche Symptome also wie bei Unternehmenskrisen. Für die Sanierung muss man dort zuerst die Zahlungs­fähigkeit sicherstellen sowie die Kapazitäten und damit die Anzahl Stellen reduzieren. Wer von den Gläubigern auf wie viel Geld verzichten muss, interessiert vorerst nicht. Früher galt zudem bei Restrukturierungen in Anlehnung an die Chirurgie bei Krebsleiden: tief ins Gesunde hineinschneiden. Der Bundesrat hat genau das gemacht. Mit den Sofort-Krediten hat er die Zahlungsfähigkeit grosser Teile der Wirtschaft sichergestellt, mit der Erweiterung der Finanzierung bei Kurzarbeit das Kapazitätsproblem kurzfristig gelöst. Mit Verboten und Empfehlungen hat er «empfindlich tief» in unseren Alltag geschnitten.

Betrachten wir typische Beispiele aus der Wirtschaft, erweisen sich diese Massnahmen als zielführend. Produzierende Unternehmen aller Art, auch Restaurants, haben, vereinfacht gesagt, eine Kostenstruktur, die zu je einem Drittel Per­sonal, Material und Fixkosten betrifft. Dienstleister haben bis zu zwei Drittel der Kosten für Personal vorzuhalten, den Rest für Fixkosten aller Art. Wer nicht produziert, hat keine Personalkosten und verbraucht kein Ma­terial. Zwar deckt die Kurzarbeitsentschädigung nicht sämtliche Personalkosten. Doch zu­sammen mit den Materialkosten fallen in dieser vereinfachten Darstellung etwa zwei Drittel der Aufwendungen weg. Mit 10 Prozent auf dem Jahresumsatz an Sofort-Krediten kann man Löhne bis zur Überweisung der Kurz­arbeits­gelder zahlen und während einiger Mo­- nate die verbleibende Lücke bei den Fixkosten schliessen. Gut geführte und erfolgreiche Unternehmen haben auch im KMU-Sektor auf Lager und Forderungen gewisse Reserven. Diese einfache Betrachtung stützt Annahmen, wonach ein grosser Teil der Firmen in der Lage sein wird, die Sofort-Kredite zurückzuzahlen. Wie bei der Restrukturierung von Unternehmen ist es falsch, gleich zu Beginn darüber zu diskutieren, wer auf Geld verzichten muss oder umgekehrt: Wer gleich einen Zuschuss beanspruchen darf. Für diese Diskussion bleibt genügend Zeit.

Spekulationen über Massnahmenpakete von 100 Milliarden sind wenig sinnvoll. Vielmehr gilt es je nach Entwicklung der Pandemie und den Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft periodisch die Lage neu zu beurteilen und al- len­falls «etwas nachzulegen». Selbstverständlich gibt es noch Lücken. Insgesamt dürften sie aber nicht so schwer ins Gewicht fallen – für die direkt Betroffenen bleiben sie dennoch gross. Es werden sich auch dafür Lösungen finden.

In der Industrie lässt sich beobachten, dass viele Unternehmen noch bis etwa Ende April auf weitgehend intakte Lieferketten und Lagerhaltung setzen können. Auf den Unterbruch der Lieferketten im Ausland hat der Bundesrat ohnehin keinen grossen Einfluss. Auch Gewerbe und Dienstleister können eine gewisse Zeit lang mit Einschränkungen durchkommen. Selbstverständlich sollen mit einer Kombination von Tests, Tracing und Verhaltensregeln erste Schritte der Lockerung eingeleitet werden. Einschneidend sind die Schliessung der Schulen und gewisse Anordnungen für die Älteren. Im Gegensatz zu Österreich sollten wir prüfen, ob nicht für die Jüngsten mit Halb-­Klassen und reduzierten Pensen an einigen Tagen pro Woche eine Entlastung für die arbeitstätigen Eltern, auch jene im Homeoffice, möglich wäre. Interessant sind auch Vorschläge wie das Zeitfenster für den Einkauf durch ältere Personen.

Die deutsche Landwirtschaft holt trotz der Abschottung gegenüber Nachbarstaaten Erntehelfer aus dem Osten. Dies ist nicht nachahmenswert. Mit Hilfe von Plattformen gelingt es in der Schweiz, Hilfe lokal zu rekrutieren. Dieser Ansatz sollte auch längerfristig verfolgt werden.

Irritierend sind Forderungen nach Einstellung von Dividendenzahlungen durch Banken. Wer das ausspricht, dem fehlt der Überblick über unsere im weltweiten Vergleich, wie das soziale Netzwerk insgesamt, sehr gut ausgebaute Altersvorsorge: Pensionskassen sind, auch wegen der Negativzinspolitik, gezwungen, einen Teil der Renten mit Hilfe von Ausschüttungen zu finanzieren. Im Gegensatz zur AHV müssen sie für künftige Rentnergenerationen Kapital aufbauen und daher Ausschüttungen zur Finanzierung der Renten nutzen. Sogar die AHV, welche die laufenden Abgaben verwendet, um die Renten zu zahlen (Umlageverfahren) erhöht ihre Auszahlungsmöglichkeit dank geschickter Anlage der «zwischenparkierten Gelder». Viele Rentner haben einen Teil ihrer in den Pensionskassen angesparten Guthaben bezogen und eigenständig angelegt; sie kompensieren die wegfallende Rente durch die Dividenden ihrer Aktien. Mit unqualifizierten Forderungen nach Dividendenverzicht werden alle Bemühungen für eine gut funktionierende Altersvorsorge torpediert.

Immer wieder in den Schlagzeilen sind Kultur und Sport. Grosse Kulturbetriebe gehören meist Städten, gleiches gilt für Stadien. Hier braucht es keine Unterstützung durch den Bund. Kleine Kulturbetriebe sowie Freischaffende sollten mit dem Doppelpack Kurzarbeit und Überbrückungskredit die nächsten Monate überstehen können. Wo die gesamte Saison ausfällt, muss primär auf lokaler Ebene und mit Sponsoren sowie Werbepartnern eine Lösung gesucht werden. Eine für die Betroffenen schmerzhafte, für das Angebot möglicherweise sogar gesunde Ausdünnung ist, wie in allen anderen Branchen, zu akzeptieren. Im Sport kommen wie bei der Kultur in erster Linie die Betreiber der Event- Standorte, der Stadien, unter Druck. Weil die Anlässe terminlich gebunden sind, fällt ein Kompensationseffekt durch «Verschiebung» in den meisten Fällen weg. Die Hilfe von Bund und Kantonen sollte sich auf den Erhalt dieser Anlagen fokussieren. Die «Betreiber» von Mannschaften haben es mit Kurzarbeit in der Hand, den grössten Teil ihrer Fixkosten stark zu reduzieren. Allerdings gilt dies nur für «normale» Löhne, gemäss Regelung in der Schweiz für Bruttobezüge je Monat von höchstens 12350 Franken. Viele Fussballer, einige Eis­hockeyspieler und Trainer verdienen weit mehr. Weil deren «Karriere» zeitlich beschränkt ist, kann dies akzeptiert werden. Im Gegenzug müssen sich diese «Mitarbeiter» aber vor Augen halten, dass ein Verzicht während weniger Monate auf Bezüge, welche die Obergrenze von 12350 Franken übersteigen, gemessen am Gesamteinkommen während einer Karriere von vielleicht zehn Jahren nur gerade 2,5 Prozent ihres «Mehrverdienstes» ausmacht. Angesichts der ausserordentlichen Lage darf im Interesse aller Clubs, aber auch der Fans, der Partner und der Spieler sowie Trainer, ein solcher Verzicht nicht verweigert werden. So sollten vernünftig finanzierte Clubs mit Unterstützung ihrer Partner und allenfalls mit Hilfe eines Überbrückungskredits in der Lage sein, die Zeitspanne bis zur nächsten Saison zu überstehen. Wenn Fans mit den Dauerkarten, Sponsoren und Werbepartner keine Rückforderung von vorausbezahlten Beträgen mangels «Gegenleistung» verlangen, sollten Spieler und Trainer auch Hand bieten für eine Lösung.

Wir sollten Abstand nehmen von immer neuen Forderungen, ebenso von Vorwürfen zu Fehlverhalten in der Vergangenheit. Das «Debriefing» in einigen Monaten lässt genügend Raum, um aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Die wenigen Lücken sind bekannt. Lassen wir nun Regierung und Behörden arbeiten. Sozialpartner und Branchenvertreter machen sich richtigerweise daran, den schrittweisen Rückweg in die «Normalität» durchzudenken. Die mit der Wissenschaft erarbeiteten Lösungen lassen genügend Spielraum für einen sinnvollen, nicht zu riskanten Weg zurück. Die Milliarden, welche die Schweiz für Kurzarbeit und Sofort-Kredite einsetzt, dienen der Sicherung unserer Zukunft. Sie werden irgendwann «Dividenden» abwerfen. Jene Rückflüsse und Einsparungen gilt es dann für neue, unerwartete Ausnahmesituationen zurückzuhalten. Bis die Rückzahlung der Sofort-Kredite fällig wird, bleibt viel Zeit für Forderungen nach Zuschüssen und Schuldenerlass. Die Politik muss sich so oder so vor Augen halten, dass man die «Starken», jene, die überleben können und wollen, fördern und erhalten muss. Geschenke an schon vor der Krise schwache Unternehmen und höhere Steuern für die Starken führen dazu, dass immer weniger Starke da sein werden, um den Schwachen zu helfen.