Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Kolumnen

Die Sprachstilistin

Von Odilia Hiller
Die Sprachstilistin

Der Deppenbindestrich geht um

Sie verteilen Bindestriche mit dem Salzstreuer? Über nahezu alles, was Sie schreiben? Sie würden am liebsten Bundes-Rat, Tomaten-Spaghetti und Wohnzimmer-Tür schreiben? Keine Sorge: Sobald Sie diesen Text gelesen haben, werden Sie zusammengesetzte Wörter wieder zusammenschreiben wollen.

Komposita, die so schön ineinanderfliessen, dass jedem, der auch nur einen Hauch Sprachgefühl in sich trägt, wohlig warm wird, sind ein Geschenk der deutschen Sprache. Theodor Fontane selig, Schöpfer von Wörtern wie «Weltverbesserungs­leidenschaft» und «Schuhbürsten­backenbart», freut sich im Grab jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn jemand ein zusammengesetztes Wort bindestrichfrei verwendet. Als Kind spielten wir «Wörter bauen». So entstanden Ungetüme wie «Sonnenblumenerntehelfersyndromspezialistenpraxis» oder «Schokoladenstängelherstellungsmaschinenwartungsmechanikergrossmutter». Reihum mussten alle einen Baustein hinzufügen. So begriffen wir, zu welchen Wortkompositionen das Deutsche fähig ist. Niemals wäre uns später eingefallen, Wörter wie «Rasierapparat», «Wartezimmer» oder «Bauchgefühl» mit Bindestrichen zu verunstalten. Bei längeren Wörtern – sagen wir, ab vier Teilen – fingen wir an, darüber nachzudenken, mittels Kopplung etwas Übersicht zu schaffen.

Heute aber lesen wir Lohn-Einbussen, Zonen-Plan und Partei-Mitglied, und zwar am Lauf-Meter. Woher der Kopplungswahn rührt, lässt sich teilweise erklären, das Englische lässt grüssen. Via Internet allzeit bereit, uns die Sicht zu vernebeln mit seiner Variante, zusammengehörige Nomen schlicht nebeneinanderzustellen. «Washing machine», «driving ­licence» und «swimming pool» hinterlassen einen so bleibenden Eindruck, dass manche mittlerweile glauben, «Auto Garage» sei ein deutsches Wort. Im Vergleich dazu wirkt ein Bindestrich geradezu als heroisch eindeutschende Geste. Ganz nach dem Motto: Ich habe gemerkt, dass ich hier etwas anpassen muss.

Fragt man Urheber unsinniger Kopplungen, warum sie unsinnig koppeln, heisst es oft «Die Autokorrektur hat das Wort nicht erkannt.» Bei Fortgeschrittenen wird vom «ungewohnten Schriftbild» genuschelt. Schliesslich funkt noch die «leichte Sprache» hinein – entwickelt für Menschen mit schweren Lernschwierigkeiten, deren Fähigkeiten zum Entziffern längerer Wörter nicht ausreichen. Offensichtlich gehen viele Autorinnen und Texter davon aus, ihre Leserinnen und Leser bewegten sich intellektuell in einem ähnlichen Rahmen.

Ein monumentaler Trugschluss. Denn wer möchte mutwillig sanfte Leseflüsse mit Bindestrichen stauen – und gleichzeitig sämtliche Nachrichtenempfänger für nicht ganz hundert erklären. Viel reizvoller ist doch, der Leserin Sommerabendhauch, Vergissmeinnicht und andere Bandwurmwörter zuzumuten. Und ihr zu zeigen, dass man sie für extrem clever hält. Probieren Sie es aus.