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Fachbeitrag

Politische Bildung ist mehr als klassische Staatskunde

Politische Bildung ist mehr als klassische Staatskunde

Monika Waldis Weber, Leiterin Zentrum Politische Bildung und Geschichts- didaktik der PH FHNW am Zentrum für Demokratie Aarau

Jüngst wurde im Nationalrat die Einführung von Stimmrechtsalter 16 auf die politische Agenda gesetzt. Die frühe Heranführung an politisches Handeln wie Wählen und Abstimmen soll Jugendlichen die Gelegenheit geben, ihre politische Sicht einzubringen und politische Kompetenzen aufzubauen. Junge Stimmberechtigte sind in der Schweiz bei Wahlen und Abstimmungen unterrepräsentiert. Ihre Partizipation zu stärken, ist ein wichtiges Ziel.

Es gibt ein breites Spektrum politischer Partizipationsformen. Wie wir aus der Forschung wissen, bevorzugen gerade Jugendliche und junge Erwachsene themenspezifische, kurzfristige, informelle und individuelle Partizipationsgelegenheiten, die ihrem Lebensstil entsprechen und zum Teil mit Freizeit­- aktivitäten verbunden werden können. Dazu gehören unkonventionellere Formen wie die Schulstreiks für das Klima. Darüber hinaus sind Jugendliche auch im Internet unterwegs. Mit Klicks, Likes und Teilen bestimmen sie mit, ob ein gesellschaftliches Thema mediale Aufmerksamkeit erhält. So haben sie etwa kürzlich zu den Antirassismus­protesten beigetragen.

Mit oder ohne Stimmrechtsalter 16 sind Jugendliche immer wieder mit politischen Fragen konfrontiert und müssen sich entscheiden, ob und wie sie aktiv werden wollen. Das politische Handeln ist manchmal nur einen Klick entfernt. Entsprechend sind sie in ihren politischen Kompetenzen gefordert und manchmal auch überfordert. Sie brauchen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, um politische Fragen diskutieren zu können.

Politische Bildung fördert Kompetenzen und befähigt zur politischen Partizipation

Auf eine schulische politische Bildung hat die Schweiz bisher nur zögerlich gesetzt, im Vertrauen, das richte sich im Privaten schon. Aber die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, und zur Art und Weise, wie wir uns informieren, ist ein grosser Umbruch in Gange.

Aus diesem Grund wurde im Lehrplan 21 politische Bildung als Kompetenzbereich in der Primarstufe im Fach «Natur, Mensch und Gesellschaft» und in der Oberstufe im Fach «Räume, Zeiten, Gesellschaften» aufgewertet und als überfachliches Lernziel eingeführt. Um den vielfältigen Ansprüchen gerecht zu werden, ist politische Bildung nun breiter gefasst als die klassische Staatskunde. An zentralen Themen und lebensweltlichen Fragestellungen sol­len Schülerinnen und Schüler ihr Wis­sen zu politischen Institutionen und Prozessen ebenso erweitern wie ihre politischen Fähig­keiten, etwa sich zu informieren, zu argumen­tieren und zu urteilen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit von Klassenräten und Schülerinnen- und Schülerparlamenten. Sie laden zur Mitsprache bei Themen ein, welche die Lernenden selbst betreffen. Wichtig ist dabei, dass der Entscheidungs- und Handlungsspielraum tatsächlich gegeben ist. Pseudopartizipation wird von Kindern und Jugendlichen schnell durchschaut.

Muss der Unterricht politisch neutral sein?

Derzeit werden von den Lehrpersonen im Bildungsraum Nordwestschweiz die Weiterbildungen zum Lehrplan 21, in denen auch politische Bildung ein Thema ist, gut besucht. Eine häufig gestellte Frage lautet dabei: Muss mein Unterricht politisch neutral sein? Hierzu hat die Fachdidaktik politische Bildung mit dem «Beutelsbacher Konsens» von 1976 eine einfache, aber hilfreiche Handlungsmaxime formuliert: Erstens dürfen Lehrpersonen die Schülerinnen und Schüler nicht mit der eigenen Meinung dominieren, sondern sollen sie in die Lage versetzen, sich mit Hilfe des Unterrichts eine eigene Meinung zu bilden. Zweitens muss das, was in Politik und Wissenschaft kontrovers diskutiert wird, auch im Unterricht kontrovers abgebildet werden. Und drittens soll der Unterricht so gestaltet werden, dass Schülerinnen und Schüler ihre Interessen und Fragen am Thema erkennen und verfolgen können. Diese einfache Leitplanke macht Lehrpersonen in ih-rem Handeln sicherer und trägt zu einer erfolgreichen Umsetzung der politischen Bildung bei.

Initiativen wie «SpielPolitik!» (vgl. Artikel oben), ein Kooperationsprojekt zwischen dem Verein «Schulen nach Bern» und der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz, suchen die Zusammenarbeit mit Lehrpersonen mit dem Ziel, deren Bildungsaufgabe mit einem attraktiven Angebot zu stärken.