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Politik ist kein Spiel – oder etwa doch?

Von Thomas Röthlin
Politik ist kein Spiel – oder etwa doch?

Im Nationalratssaal: Eine Bez-Klasse aus Wohlen machte 2019 bei «SpielPolitik!» mit. Bild: zvg

In der Bundesverfassung, Art.89, Abs.6 steht: «Neubauten sind mit Fotovoltaikanlagen zur Selbstversorgung auszurüsten.» – Tatsächlich? In Tat und Wahrheit hat der Verfassungsartikel über die Energiepolitik aktuell nur fünf Absätze. Trotzdem ist die im November 2019 beschlossene Verfassungs­änderung keine Falschmeldung – zumindest nicht für die damalige Klasse 3a der Bezirksschule Wohlen AG im Rahmen der jährlich stattfindenden Projekttage «SpielPolitik!».

Dieses Angebot für 8. und 9. Klassen der Volksschule soll Jugendliche befähigen, mit eigenen politischen Anliegen an der direktdemokratischen Auseinandersetzung möglichst realitätsnah teilzuhaben. Der Nationalrat hat jüngst einen Vorstoss für die Senkung des Stimmrechtsalters auf 16 Jahre gutgeheissen. Bis es so weit ist, können 15- und 16-jährige Schülerinnen und Schüler mit dem Planspiel schon mal üben.

Bei «SpielPolitik!» ist alles (fast) wie echt

Das Spiel besteht darin, dass verschiedene Schulklassen Initiativen lancieren und damit in Bern gegeneinander antreten. Die politische Debatte findet im Bundeshaus statt. Und auch sonst ist alles (fast) wie echt: Die Schülerinnen und Schüler schlüpfen in die Rolle von Nationalrätinnen und National­räten. Vier Klassen bilden je eine Fraktion, in klassengemischten Kommissionen werden die Anliegen vor­beraten. Ein «Bundesrat» formuliert zu den Initiativen Gegenentwürfe, die notabene aus der Feder von echten Fachleuten der Bundesverwaltung stammen. Und auch in der Ratsdebatte sind es echte Nationalrätinnen und Nationalräte oder ehemalige Parlamentsmitglieder, die der Exekutive ein Gesicht geben.

Träger von «SpielPolitik!» ist seit 2008 der Verein «Schulen nach Bern». Für die Organisation und die Spielleitung der Politiksimulation ist das Forschungszentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der Pädagogischen Hochschule FHNW zuständig, das am Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) angesiedelt ist (siehe Fachbeitrag unten). Hier werden die eingereichten Initiativen geprüft.

Viele motivierende Faktoren

Matthias Hehlen, der Deutsch- und Geschichtslehrer der Wohler Bez-Klasse, denkt gern an die «Session» in Bern zurück. Diese habe seine Schülerinnen und Schüler regelrecht begeistert: «Einmal schön gekleidet im altehrwürdigen Nationalratssaal zu sitzen, wo unsere Gesetze gemacht werden, ist schon etwas Besonderes.» Auch das Spiel selbst sei motivierend, sagt Hehlen: «Die Jugendlichen dürfen vieles selbst bestimmen. Sie spüren, dass sie ernst genommen werden. In der verbalen Auseinandersetzung können sie die Wirksamkeit ihrer Argumente testen. Und schliesslich schweisst ein solches Projekt, das man im Klassenverbund gemeinsam erarbeitet hat, enorm zusammen.»

Kommt hinzu, dass manche Klassen in Bern ein Rahmenprogramm absolvieren mit Stadtführung und Botschaftsbesuch. «Die zwei Tage waren ein Highlight des Schuljahrs», resümiert Hehlen, «auch wenn meine Schülerinnen und Schüler vor der Debatte zum Teil ziemlich nervös waren.» Kein Wunder, schliesslich ist das Politikspiel wie die richtigen Parlamentssitzungen öffentlich, und auf der Zuschauertribüne sassen neben dem Schulleiter einige Eltern. Nachdem er bereits zweimal am Spiel teilgenommen hat, möchte Hehlen sich für 2021 wieder bewerben.

Ein Gegenentwurf, der keiner ist

Einer, der kommenden November mit seiner Abschlussklasse nach Bern fährt, ist Flavio Muggli, Lehrer im thurgauischen Fischingen. Auch für ihn ist es nicht die erste Teilnahme an «SpielPolitik!». Schon vor den Sommerferien ging’s los mit den Vorbereitungen: Zuerst Staatskunde, zum Beispiel über den Unterschied zwischen Verfassungs- und Gesetzesstufe. Dann die basisdemokratische Wahl des konkreten Anliegens. Schliesslich sammelten die Schülerinnen und Schüler Unterschriften, denn eingereicht werden muss eine «Volksinitiative».

Dem Bund soll die Kompetenz erteilt werden, auf Dosen und Getränkeflaschen ein Pfand zu erheben. «Es wirkt ressourcensparend und hemmt die Klimaerwärmung», begründen die Jugendlichen ihre Initiative. Der Gegenentwurf ist bereits eingetrof- fen – und geht noch weiter als die Initiative: Der Bund soll die Pfandpflicht auf ähnliche Gebinde ausdehnen können.

Auch bei der Wohler Initiative kam der «Bundesrat» den Initiantinnen und Initianten entgegen, indem er Ausnahmen vom Solarpanel-Zwang auf Neubauten aus dem Initiativtext strich. «Es geht beim Politikspiel auch darum, zu merken, dass ein Gegenentwurf nicht unbedingt gegen die ursprüngliche Idee gerichtet sein muss», erklärt Matthias Hehlen. So drangen die jungen Woh­lerinnen und Wohler mit ihrem Anliegen im Rat durch, obwohl sie mit der Initiative selbst unterlagen: Der Gegenentwurf, der ja ganz in ihrem Sinn war, fand eine Mehrheit.

Beide Oberstufenlehrer sind überzeugt, dass der Einblick in die Funktionsweise der nationalen Gesetzgebung das politische Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler gestärkt hat. «Ich halte das Politikspiel für eine der besten Formen von Staatskundeunterricht», sagt Matthias Hehlen, «es ist praxisbezogen und kompetenzorientiert.» Somit passt «SpielPolitik!» in den Lehrplan 21, wo sich Vor- und Nachbereitung in den Fachbereich Räume, Zeiten, Gesellschaften – und im Kanton Aargau ins Fach Politische Bildung – integrieren lassen.