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Sport

Kampf dem Weltverband

Von Christian Brägger
Kampf dem Weltverband

Mino Raiola. Bild: Imago-Images.

Die Fifa steht wieder einmal in der Kritik. Zwar befindet sie sich gerade auf Schmusekurs mit der Uefa. Und schenkt dem – ebenfalls mächtigen – Kontinentalverband generös den für Juni 2021 reservierten Platz der gross angelegten Klub-WM zugunsten der verschobenen EM her. Und im aktuellen Fall hat sich der Weltverband auch nicht den neuerlichen Unmut der Justiz oder der Fussballfans aufge­laden. Dieses Mal sind es die Spieleragenten, die brüskiert sind, und als deren Stellvertreter sagt Mino Raiola: «Fifa-Präsident Gianni Infantino meint, er sei Gott. Und ich sage ihm, er ist nicht Gott!»

Raiola ist nicht irgendwer, Raiola ist der Lionel Messi der Berater. Mit 21 Jahren wickelte der in Holland aufgewachsene Sohn eines italienischen Pizzabäckers den ersten Transfer ab, 31 Jahre später ist er im Fürstentum Monaco lebend heute die grosse Nummer. Der inter­nationale Durchbruch gelang einst dank der orchestrierten Wechsel von Dennis Bergkamp und Pavel Nedved, aktuell sind Zlatan Ibrahimovic, Erling Haaland oder Paul Pogba die Hochkaräter im Portfolio. Raiola sagt: «Ich bin Agent aus Passion. Ich will das Beste für meine Spieler, gebe tagtäglich alles für sie.»

Der Streitpunkt: Die Provisionen der Berater

Acht bis zehn Prozent am Bruttojahresgehalt eines Akteurs erhalten die Agenten jeweils vom Käuferverein als Honorar, doch die Fifa hat nun den Raum der Transferentschädigungen be­treten. Einen Raum, den die Berater als ihr Hoheitsgebiet betrachten. Künftig will der Weltverband den Beteiligungssatz selbst festlegen und auf drei Prozent kürzen. Zumal sich die Zahlungen der Klubs an die Berater allein im Jahr 2019 auf knapp 600 Millionen Euro beliefen – bei insgesamt 18000 Transfers mit einem Transfervolumen von 6,6 Milliarden Euro. Tendenz überall steigend. Zumindest bis zur Coronakrise.

Überdies will die Fifa alle Geldflüsse an die Berater über ihre Bank laufen lassen, um die absolute Kontrolle zu haben. Also sagt Raiola: «Gewiss sind die schlechten Agenten ein Problem, auch wegen ihnen wollen wir uns von der kriminellen Ecke verabschieden, in welche uns die Fifa stellt. Doch wir können das alles selbst regeln.»

Laut Berechnungen der Spielerberater würden die neuen Regularien den Bankrott für mindestens 60 Prozent ihrer Gilde bedeuten. Also wehren sie sich dagegen, auch weil sie, obwohl Stakeholder, nach dem Vorpreschen des Weltverbands kein Mitspracherecht besitzen. Die Agenten tun dies mit ver­einten Kräften, weshalb die Top Shots der Szene im Sommer 2019 in der Schweiz den Verein Football Agents Forum (FAF) gründeten: Berater wie Raiola, Jorge Mendes, Jonathan Barnett und die deutsche Rogon-Gruppe, die im Auftrag von Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Julian Draxler zwischen den Klubs verhandeln und die millionenteuren Transfers einfädeln, gehören dazu.

Schon nach dem Kongress in Schanghai im Oktober 2019, als die FAF mit der Fifa ein erstes Mal zusammensass, war das Urteil gefällt: «Wir Berater sind hier überhaupt nicht will­kommen.» Da der Weltverband seinen Sitz in Zürich hat und nach Schweizer Recht ein Verein ist, wollen sich die Agenten nun hierzulande über die Schweizer Agentenvereinigung SFAA Gehör verschaffen. Es gilt zu klären, ob die Eingriffe rechtswidrig sind. Und um der Causa noch mehr Gewicht zu verleihen, wurde Raiola als Ehrenmitglied der SFAA aufgenommen. Deren Präsident Christoph Graf sagt: «Ausgerechnet die Fifa will unsere moralische Instanz sein. Wir müssen den Monopolisten stoppen, der alles dafür tut, uns in den Dreck zu ziehen.»

Der Markt soll spielen – und nicht die Fifa entscheiden

Raiola erachtet ausserdem die Ausbildungsentschädigung an die Vereine als schwierig, sie sei nicht zum Wohl der Spieler und verhindere gar Transfers; nirgendwo sonst in der Arbeitswelt würden Lehrlingsbetriebe extra bezahlt. Vor allem fordert der 52-Jährige, dass Klubs wie Spieler weiter frei entscheiden können, wer sie zu welchen Konditionen berät; der Markt soll spielen – und frei bleiben. Immer wieder seien die Vereine auf ihn zugekommen, sagt Raiola. «Wir verhandeln nicht mit der Fifa, es sei denn, wir werden als gleichberechtigt angesehen. Falls nötig, bringen wir sie vor Gericht.»

Etwas paradox ist die Angelegenheit ja schon. Ist doch gerade die Fifa mit dem System des Meistbietenden bestens vertraut – Stichwort WM-Vergaben, Fernsehrechte, Sponsoren. Gewiss würde es in einer idealen, heilen Welt den Spielerberater nicht brauchen. Aber bräuchte es dann Anwälte, oder die Ethikkommission der Fifa? Der Streit schwelt, es ist einer mit offenem Ausgang. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen des Coronavirus nun alle am Fussball Be­teiligten mehr als nur zu beissen haben. Der Transfermarkt ist eingebrochen, der Wert der Spieler grösstenteils ebenfalls, die Punkteprämien sind weg, TV-Stationen kämpfen um ihre Rechte oder ihre Gelder, die Vereine um jeden Rappen und ums Überleben. Die einzige Konstante ist in diesen Tagen, vielleicht Monaten: Die Ungewissheit.