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Kanton Solothurn

Ein Privileg, hier arbeiten zu dürfen

Von Gülpinar Günes
Ein Privileg, hier arbeiten zu dürfen

Erika und Toni Brunner auf dem Mutthorn. Bild: zvg

«Es hat am Morgen noch ein wenig geschneit.» Toni Brunner spricht ins Satellitentelefon auf der Mutthornhütte. «Aber sonst ist das Wetter sehr schön heute.» Die Antworten des Hüttenwarts kommen etwas verzögert. Seine Worte müssen zuerst ins Weltall und dann zurück auf die Erde. Dieses Wochenende hätte dort oben auf 2900 Metern Höhe im hochalpinen Berner Oberland ein Jubiläumsfest stattfinden sollen: Die SAC Sektion Weissenstein, der die Hütte zwischen dem Tschingel- und dem Mutthorn gehört, hätte das 125-jährige Bestehen der Hütte feiern wollen. Aber das Fest wurde wegen der momentanen Lage abgesagt und auf nächstes Jahr verschoben. «Es reut einen schon, dass die Feier nicht stattfindet», sagt Brunner. Aber wegen der Auflagen hätte lediglich die Hälfte der Gäste kommen können. Eine Art tiefere Betroffenheit sickert durch seine Stimme. «Nächstes Jahr ist es halt nicht mehr das 125-Jahr-Jubiläum, das ist uns sehr bewusst», hängt er an. «Wir werden daher diesen Samstag sicher daran denken und uns ein Gläschen Rotwein gönnen.»

Hüttenwarte seit vier Generationen

Toni Brunner ist im Stechelberg im Lauterbrunnental aufgewachsen. Er ist gelernter Zimmermann und war lange Zeit als Bergführer unterwegs. Den 57-Jährigen verbindet eine vier Generationen umspannende Geschichte mit der Mutthornhütte: Sein Urgrossvater war der erste Hüttenwart, nachdem sie 1895 von der Sektion Weissenstein erbaut wurde. Seither kümmert sich die Familie Brunner um die Hütte. Mit sieben Jahren konnte Toni Brunner zum ersten Mal hoch zu seinen Eltern, damals noch mit einem Flächenflugzeug. «Das war damals das Grösste für mich», sagt er, wohl mit einem Lächeln am anderen Ende des Hörers. Dort oben habe er seine Leidenschaft fürs Bergsteigen entdeckt. «Ich hätte mir nicht vorstellen können, den Sommer im Tal zu verbringen.» Er habe aber erst darüber nachgedacht, die Hütte zu übernehmen, als seine Eltern ins Pensionsalter kamen. Die Arbeit als Bergführer habe ihn bis dahin während der Sommersaison ziemlich auf Trab gehalten. Allerdings auf Kosten der Familienzeit. «Wir haben gehofft, als Hüttenwarte mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können.» Er und seine Frau Erika Brunner übernahmen die Hütte schliesslich in 2004.

Die gelernte Gärtnerin aus dem Diemtigtal ist während des Gesprächs am Mittwochmorgen in der Küche und bereitet bereits das Abendessen für die Gäste vor. Seit 16 Jahren teilen sie und ihr Ehemann sich die harte Arbeit auf fast 3000 Metern Höhe. Meist steht Toni Brunner in der tiefsten Nacht auf, um das erste Frühstück um 3Uhr früh auf den Tisch zu bringen. Um 4Uhr folgt das Zweite. «Die Arbeit ist anstrengend», sagt er. Die Zimmerstunden während der langen Tage müsse man zwingend dafür nutzen, Schlaf nachzuholen. «Sonst merkt man nach zwei bis drei Tagen, dass man an Schlafmangel leidet und Mühe hat, ein Lächeln aufzusetzen», sagt er. Von Mitte Juni bis Mitte September braucht es von beiden vollen Körpereinsatz, sieben Tage die Woche. «Erst nach der Saison, wenn wir wieder im Tal sind, spüren wir die Müdigkeit der drei Monate.» Dann helfe nur noch eine vierwöchige Auszeit, bevor es dann wieder losgeht mit der Arbeit als Bergführer und Skilehrer über die Wintersaison.

Ausserhalb der Hüttensaison bleibt den beiden wieder mehr Zeit für Familie und Freunde. Seit Jahren pflegen sie eine gute Freundschaft zur SAC Sektion Weissenstein. Toni Brunner kennt viele Mitglieder bereits seit seiner Kindheit. «Es ist schön, ab und zu abseits der Berge mit ihnen zusammenzusitzen», sagt der Hüttenwart. Durch die Zusammenarbeit mit dem Solothurner SAC lernten die Berner Oberländer mittlerweile auch den Solothurner Jura und das Klubhaus Backi bei Gänsbrunnen kennen. Umgekehrt wüssten aber viele Gäste nicht, dass die Mutthornhütte den Solothurnern gehört. «Viele Gäste interessieren sich auch nicht dafür», meint Brunner.

Ein Privileg, dort arbeiten zu dürfen

Ohnehin seien die Gäste in den vergangenen Jahren rarer geworden. Während früher 1200 Übernachtungen die Regel waren, erreicht man heute kaum mehr 1000. «Wir haben uns schon oft gefragt, warum manche Hütten voll ausgelastet sind und wir nicht», sagt er schmunzelnd. Er weiss, dass die Gletscher, welche die Hütte umgeben, nicht gerade einladend sind. «Wenn man sich eine goldene Nase verdienen will, dann sollte man nicht Hüttenwart werden», scherzt er, hat aber derzeit allen Grund, guten Mutes zu sein: Trotz Corona sei diese Saison besser verlaufen als in den Vorjahren. «Man merkt, dass die Leute einen Bewegungsdrang haben», sagt er. Auch das Wetter habe mitgespielt.

Die täglichen Gäste sind nach wie vor eine Motivationsquelle für den Hüttenwart. «Wir geniessen die Begegnungen und machen die Arbeit wirklich gerne.» Es sei ein absolutes Privileg, im hochalpinen Gebirge arbeiten zu dürfen. «Und wenn man wieder unten ist, geniesst man die warmen Temperaturen und die grüne Landschaft.»