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Kultur

Die Stars von morgen

Von Julia Stephan

Poetry SlamAn den deutschsprachigen Meisterschaften in Zürich haben sich die besten 200 Slam-Poetenmiteinander gemessen. Die Szene hat sich in den letzten Jahren massiv professionalisiert

Die Stars von morgen

Es war vor zwölf Jahren. Damals, im Zürcher Schiffbau, eroberte das Literaturformat Poetry Slam mein Teenagerherz im Sturm. Wie konnte man als junger Mensch auch dem Sog widerstehen, wenn Menschen, kaum älter als man selbst, in einem Wettkampf mit vollem Körpereinsatz ihre Botschaften und Literaturbrocken aus der Kehle schrien! Das war neu, weit weg von Deutschstunde oder Lesung, und ziemlich cool. Für mich wurde eine neue literarische Welt erschlossen.

Im selben Jahr hatte Gabriel Vetter als erster Slam Poet den Kabarettpreis Salzburger Stier gewonnen. Die spätere Bachmann-Preisträgerin und Lyrikerin Nora Gomringer lief noch undercover durch Zuschauerreihen und sammelte jeden Schnipsel, der irgendwie mit Slam zu tun hatte. Und der Berner Theaterautor und Literat Jürg Halter erklärte am Telefon, die Zahnbürste zwischen die Zähne geklemmt, seine Sicht der Welt. Auch die junge Hazel Brugger tauchte wenige Jahre später auf den Agglo-Bühnen auf. Man sagte sich: Wow, die ist viel zu gut für ihr Alter, wenn sie mit dem ausdruckslosen Pokerface, für welches das Fernsehpublikum sie heute so liebt, ihren schwarzen Humor vom Stapel liess.

So selbstverständlich wie Kino

Heute ist das Veranstaltungsformat so eng mit dem Kulturbetrieb verzahnt, dass man es so selbstverständlich hinnimmt wie eine Kinovorstellung. An den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften in Zürich jedenfalls recken nur noch wenige Finger in die Luft, wenn ein Moderator fragt, ob jemand nicht wisse, was da auf ihn zukomme. An mehr als 20 Veranstaltungen konnte das Publikum während fünf Tagen den 200 besten Slampoeten, die der deutschsprachige Markt zu bieten hat, bei der Schlacht um den Titel zuschauen.

Etwa im Kulturhaus Kosmos an der Europaallee. Normalerweise sind hier die intellektuellen Linken Zürichs unter sich. Morgens wird meditiert, mittags sieht man alt Bundesrat Moritz Leuenberger gerüchteweise beim Mittagessen. Abends debattiert man über die Lage der Welt. Am vergangenen Mittwochabend mischte der quirlige deutsche Moderator Hinnerk Köhn mit Atzen-Rhetorik und Wolfgang-Petry-Zitaten die gesittete Runde mächtig auf. Auch der deutsche Slam Master Ko Bylanzky wird später vorm Moderationsmikro stehen, im Zürcher Club Plaza. Das Publikum ist jung wie vor 12 Jahren im Schiffbau, wegen der Partylocation vielleicht noch ein klein wenig jünger. Bylanzky selbst ist einfach nur älter geworden. Aber was macht das schon in einer Szene, die so offen und gross ist, dass die LGBT-Gemeinschaft (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) sich darin ebenso aufgehoben weiss wie Alt und Jung. Am Halbfinale des Teamwettbewerbs im Volkshaus Zürich inszenierten sich die alten Füchse der deutschen Slamszene, Wehwalt Koslovsky (46) und Frank Klötgen (50) ironisch als alte, schaffensmüde Männer. Wie in einem klassischen Theaterprolog hielten sie in Altherrenmanier mahnend ihre Finger hoch und erläuterten die Fallstricke zum schnellen Bühnenerfolg. Das Publikum tobte.

Die Vorträge, bei denen Performer sich hinterm Blatt Papier verbarrikadieren, sind definitiv passé. Ko Bylanzky wundert das nicht: «Heute kann man sich Youtube-Videos anschauen, die helfen, den Habitus eines Slammers einzustudieren.» War früher die Literatur einziges Vorbild, orientieren sich Slammer heute an den erfolgreichsten ihrer Zunft, von denen in der Schweiz heute die besten zu Comedy und Kabarett abgewandert sind.

In Zürich erlebte man eine Generation, die auf Youtube-Kanälen, Instagram-Accounts und Musical-Apps gelernt hat, dass Worte nur halb so viel wert sind, wenn der Mensch sich nicht passend zu ihnen verhält. Natürlich ist man da manchmal naiv. Der Österreicher Emil Kaschka referiert elaboriert über rechte Gesellschaftsränder. Dazu trägt er eine modische braune Lederjacke.

#MeToo hat abgefärbt

Am meisten überraschten die Frauen. Vor zehn Jahren brachten sie einen noch mit Tagebuch-Poesie auf die Palme, oder erzeugten mit der Replikation billiger Geschlechterklischees schnelle Lacher. Doch die #MeToo-Debatte hat auch im Slam die Textur verändert. Bewertungen von Weiblichkeit wurden in Zürich in poetischer Verdrehung auf Männer übertragen. In einem Text wurde der Nacken eines Politikers auf Facebook zum Politikum stilisiert. Schliesslich stehe der für einen starken Willen. Und die Luxemburgerin Fee dachte durch, was sich denn ändern würde für uns alle, wenn «Wenn schlau das neue Schön wäre».

Die Verzweiflung der Generation Y ob des «Ihr könnt mal alles werden», das ihnen die Eltern einst in bester Absicht eingetrichtert haben, fand im Publikum besonders stürmischen Zuspruch. Auch der gesellschaftlichen Polarisierung kamen die Poeten mit rhetorischen Spielereien bei – besonders klug: der Deutsche Philipp Herold. Und Nik Salsflausen wagte sich sprachphilosophisch an den Begriff der Menschlichkeit. «Menschlichkeit ist nicht Arte, sondern das ganze Fernsehprogramm», meinte er ernüchtert. Zusammen mit der jungen Daniele Sepehri, die ohne rhetorischen Schmuck die wahre Fluchtgeschichte einer Afghanin nacherzählte, um ihr eine Stimme zu geben, stehen diese Poeten für die schleichende Politisierung einer jüngeren Generation.